Orte » Geschichte der Johannstadt » Historischer Rundweg » Standort 4 – Pfotenhauerstraße

Von der ehemaligen Schokofabrik kommend, laufen Sie auf der verlängerten Pfeifferhannsstraße (der ehemaligen Stephanienstraße) in Richtung Pfotenhauerstraße. Vor der 101. Oberschule „Johannes Gutenberg“ erreichen Sie den vierten Standort des historischen Rundwegs.

Stadtplan von 1911. Der Tafelstandort ist markiert. Quelle: JohannstadtArchiv

Vor 1945: Die Einkaufs- und Vergnügungsmeile

Pfotenhauerstraße

Heute noch bezeichnet man die Pfotenhauerstraße, volkstümlich auch „Pfote“ genannt, als
„Hauptstraße“ der nördlichen Johannstadt. Bis 1945 erfreute sich diese Straße wegen der
hier befindlichen Läden und Restaurants großer Beliebtheit. Der Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Pfotenhauer (1812 – 1877) diente als Namensgeber. 1876 als Straßenverlauf mit streng geometrisch angrenzenden Baugrundstücken angelegt, verlief die Straße damals noch über Felder. Im gleichen Jahr errichtete die Baugesellschaft „Neue Germania AG“ erste Wohnbauten. Bedingt durch eine unklare Definition angrenzender Gewerbegebiete kam die Bautätigkeit jedoch bald wieder zum Erliegen. Erst mit der 1884 vorgenommenen Änderung der Ortssatzung, in der die Pfotenhauerstraße als eine reine Wohn- und Geschäftsstraße ausgewiesen wurde, setzte die rege Bautätigkeit wieder ein. Neun Jahre später feierte man die Fertigstellung der neuen Straßenbahnlinie durch die Pfotenhauerstraße.

Ansicht der Pfeiferhannsstraße mit Stephanienapotheke um 1900 (links). Quelle: Deutsche Fotothek, Walter Hahn
Innenraum des Radeberger Bräustübels um 1900. Quelle: JohannstadtArchiv

 

 

 

 

 

 

 

Die Straße belebte sich mit einer großen Zahl von Fachgeschäften, Einrichtungen und Kneipen. Durch die gute Erschließung und die breiten Fußwege herrschte hier zu jeder Tageszeit reges Begängnis. Beispielhaft sind einige Läden und Einrichtungen zu nennen:

Nr. 17: Sortimentsbuchhandlung Bruno Curth und Stephanienapotheke (siehe Bild oben)
Nr. 26: 1894 eröffnete hier der Arzt Arthur Schloßmann eine Poliklinik für Säuglinge und
Kleinkinder, die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland
Nr. 33: Restaurant „Elsasser Hof“ mit dem „Afrikanischen Zimmer“ (siehe Bild unten)
Nr. 37: Molkereiverkaufsstelle der Drema AG
Nr. 41: Dampfbäckerei und Konditorei von Max Schubert (siehe Bild unten)
Nr. 48: Helm’s Restaurant
Nr. 57: Café Freitag im Vorderhaus, Glasschleiferei und Glasbiegerei von Curt Ziegler
Nr. 62: Gaststätte „Radeberger Stübel“ (siehe Bild oben)
Nr. 69: Fleischerei Otto Gründel mit Schank- und Speisewirtschaft.
Nr. 79: Öffentlicher Sportplatz mit Toilettenhäuschen von Stadtbaurat Hans Erlwein, 1921
Bedürfnisanstalt mit Zeitungsladen von Stadtbaurat Hans Erlwein, 1906
Nr. 106: Straßenbahnhof Johannstadt (nach 1990 abgerissen)

Afrikanisches Zimmer im „Elsasser Hof“. Quelle: JohannstadtArchiv
Fensterdekoration der Dampfbäckerei Max Schubert, um 1920. Quelle: JohannstadtArchiv
Hinterhof im Wohnhaus Pfotenhauer Straße 74,
Quelle: Sammlung Siegfried Treppnau

In den Hinterhöfen entstanden kleine und mittlere Gewerbebetriebe mit dampfenden Schornsteinen, kaschiert durch eine fünfstöckige Blockrandbebauung. Zu diesen zählten u.a. die „Attilia-Fahrradbau“, die Filmtechnischen Anstalten, die Hartglasbiegerei „Curt Zieger„ (heute „Tenza-Schmiede“), verschiedene Zigarettenfabriken, Maler- und Klempnermeister oder auch chemische Spezialfirmen.

Nach 1945: Plattenbau und Kunst

Stadtplan von 2017. Der Planausschnitt ist identisch mit dem umseitig abgebildeten historischen Stadtplan von 1911. Der Tafelstandort ist markiert. Quelle: Themenstadtplan Dresden

Die neue Einkaufsstraße

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der teilweisen Zerstörung der Bebauung ging der Charakter der Pfotenhauerstraße als eine lebendige Wohn- und Geschäftsstraße weitgehend verloren. Nachdem bis zur Mitte der 1950er Jahre die Beseitigung der Kriegsruinen erfolgt war, errichtete man in den 1970er Jahren auf den Brachflächen zehngeschossige Neubauten in Plattenbauweise, die im nebenan befindlichen Plattenwerk produziert wurden. Fertiggestellt wurden auch eine Kaufhalle und ein Dienstleistungszentrum (mit Wäscherei, Friseur, Schuhmacher u.v.w.). Das Dienstleistungszentrum wurde 2018 nach langem Leerstand abgerissen, um für ein erweitertes Einkaufszentrum Platz zu schaffen.
Der langjährige Vorsitzende des Rates des Bezirkes Dresden und Ministerpräsident der DDR ,
Hans Modrow, wohnte in dem Zehngeschosser Nr. 22. Aufgrund der gegenüber anderen Einrichtungen ausgewählt besseren Versorgung trug die Johannstädter Konsum-Verkaufsstelle
im Volksmund auch die Bezeichnung „Modrow-Kaufhalle“.

„Modrow-Kaufhalle“, ca. 1975. Quelle: Sammlung Gonschorek, Fotograf unbekannt
Kaufhalle und Dienstleistungszentrum, 1993. Quelle: SLUB/ Deutsche Fotothek, Herbert Boswank

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als besondere Bauten und Nutzungen sind erwähnenswert:
Nr. 7: „Modrow-Kaufhalle“, heute „Aldi“- und „Konsum“-Markt
Nr. 40-44: 100., 101. und 102. Polytechnische Oberschule (1974 als Doppel-Atriumschulbauten
errichtet), heute 101. Oberschule und 102. Grundschule
Nr. 73: ehemals Fertigungsstätte „Intarsia“ des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau
Nr. 86/88: 1971 Seniorenheim als Plattenbau, 2007 Umgestaltung zum Mehrgenerationenhaus „Johanna“

Links: Plastik „Spirale des Sozialismus“, Zustand 2017. Quelle: J. Uhlig
Rechts: Bürger retten den Schriftzug „Dienstleistungszentrum“ vor dem Verschrotten, 2017. Quelle: M. Dziallas

 

 

 

 

 

 

Kunst am Bau

Bemerkenswerte Kunstobjekte der DDR befinden sich ganz in der Nähe des Tafelstandortes.
Die Plastik „Spirale des Sozialismus“ am Eingang zur 101. Oberschule besticht durch ihre
schlanke dynamische Form und den prägnanten Inhalt. Der Künstler und Bildhauer Johannes Peschel, Jahrgang 1931, schuf diese Plastik in der Produktionsgenossenschaft „Kunst
am Bau“, in der er sich seit 1960 mit weiteren neun Mitgliedern als Künstler am sozialistischen Bau betätigte. Weiteres plastisches Schaffen Peschels lässt sich oft in Dresden finden.
Dazu zählt z.B. der Gedenkstein Haftanstalt Mathildenstraße auf der Pillnitzer Straße, der
„Kahn der Tiere“ in Dresden-Prohlis, die „Frau mit Satyr“ am Neustädter Elbufer, die Ernst-
Thälmann- Gedenkstätte am Strehlener Platz, weitere Kunstwerke in Cottbus und Kamenz
sowie unzählige Strukturwände aus Betonformsteinen (u.a. ehemalige Touristengärten in
der Prager Straße).