Orte » Geschichte der Johannstadt » Standort 9 – Florian-Geyer-Straße

eingestellt am 05.11.2019 von QM Johannstadt, zuletzt geändert am 14.11.2019

Vom Bönischplatz kommend laufen Sie die Bundschuhstraße in Richtung Elbufer. An der Florian-Geyer-Straße biegen Sie nach links ab. Am Durchgang zur Elisenstraße erreichen Sie den Standort Nr. 9 des historischen Rundwegs.

Vor 1945: Felder, Feldjäger, Feldherren

Stadtplan um 1900. Der Tafelstandort ist markiert. Quelle: Sammlung Gonschorek

„Hopfgartens“, „Elisens Ruhe“ und „Lüdickes Wintergarten“

Gärten und landwirtschaftliche Nutzung prägten bis ins 19. Jahrhundert hinein das Bild der heutigen Nördlichen Johannstadt. Eines der größten Vorwerke der Gegend trug den Namen „Hopfgartens“. Das Grundstück wurde im Jahre 1819 von Elisabeth Karoline von Ueckermann erworben. Bereits ab 1822 nannte sie ihr Vorwerk „Elisens Ruhe“. In unmittelbarer Nähe lag der Wintergarten des Handelsgärtners Lüdicke, der sich mit drei Gewächshäusern (Palmen-, Akazien- und Kamelienhaus) ein grünes Refugium geschaffen hatte. Die Zeitschrift „Die Gartenlaube“ vermerkte 1859 zu „Lüdickes Wintergarten“ „[…] Von der königlichen Familie und den höchsten Gesellschaftskreisen herab bis zu dem einfachen Bürgersmanne fand dieses neuerstandene Blumeneden seine Freunde und Bewunderer; und während man sich einerseits der hier aufgestellten Pracht und Herrlichkeit erfreute, erstaunte man andererseits, daß diese blühende Schöpfung das Werk eines – Privatmannes, der viele Tausende nicht gescheut, um sie in’s Leben zu rufen“. Mit der wachsenden Bevölkerungszahl der Johannstadt wurden die Gärten ab 1890 zerstört und mit Straßen sowie neuen Wohnhäusern überbaut.

Weitere Informationen zur Geschichte der Gartenvorwerke finden Sie hier.

Links: Stadtplan von 1878. Farbig markiert ist „Elisens Ruhe“ mit der Gartenanlage. Quelle: JohannStadtArchiv. Rechts: Stadtplan von 1881. „Elisens Ruhe“ ist nicht mehr auffindbar. Die Jägerkaserne steht bereits als erstes großes Gebäude der künftigen Nördlichen Johannstadt auf dem Feld. Auch erste Bauten am Sachsenplatz sind zu sehen (farbig markiert). Quelle: JohannStadtArchiv
Links: Ansichten der Blumenhalle aus „Lüdickes Wintergarten“ in: „Die Gartenlaube“, 1859. Quelle: JohannStadtArchiv. Rechts: Jägerkaserne mit Albertbrücke, um 1880. Die Wohnbebauung fehlt noch. Quelle: Sammlung Gonschorek

Jägerkaserne

Zu Beginn der 1880er Jahre errichtete die Militärbaukommission unter Oberstleutnant August Portius (1834–1912) die Jägerkaserne. Der dreiflügelige Gebäudekomplex erhielt im Geschmack der Bauzeit eine Vielzahl von schmückenden Zinnen und Türmchen, sodass er einem herrschaftlichen Schlosskomplex ähnelte. Zum Gebäude gehörte auch ein
großer Exerzierplatz im Innenhof. Der Erstbezug erfolgte durch das „2. Königlich-Säch-
sische Jäger-Bataillon Nr. 13“ aus Meißen. Von 1919 bis zu ihrer völligen Zerstörung am
13./14. Februar 1945 diente die Kaserne als Polizeigebäude. Bis 2019 blieb die Fläche der ehemaligen Jägerkaserne unbebaut und wurde als Parkplatz genutzt.

Mehr Informatonen zur Jägerkaserne finden sie hier.

Jägerkaserne im Luftbild, 1943. Quelle: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Walter Hahn
Wachablösung vor der Kaserne, ca. 1900. Quelle: Sammlung Gonschorek

Entstehung des Wohngebietes

Die Anlage der heutigen Florian-Geyer-Straße geht auf das Jahr 1893 zurück. Damals trug die Straße den Namen Feldherrenstraße in Anlehnung an die jenseits des Sachsenplatzes befindliche Marschallstraße. Nach der Errichtung der Jägerkaserne entstanden rundum die ersten Wohngebäude, die aufgrund der Hochwassergefahr mit Hochkellern ausgestattet wurden. Um 1920 wohnten hier eine Reihe stadtbekannter Persönlichkeiten, darunter der Opernsänger Otto Kallenbach, der Stadtrat Alfred Reichardt, der Musikdirektor Richard Berger, der Architekt Rudolf Patitz, der Schriftsteller Heinrich Zerkaulen sowie die Schauspielerin Marion Regler. Daneben hatten in der Straße auch wichtige Einrichtungen wie die „Zuckerverteilungsstelle des Königreichs Sachsen“ oder die „Dresdner Zentrale für Bäckereibedarf“ ihren Sitz. An der Ecke zur angrenzenden Gneisenaustraße (heutige Bundschuhstraße) befand sich eine gebietstypische Kneipe, der „Gneisenauer Hof“.

Nach 1945: Planungen, Platten, Punkthochhäuser

Stadtplan von 2019. Der Planausschnitt ist identisch mit dem umseitig abgebildeten historischen Stadtplan von ca. 1900. Der Tafelstandort ist markiert. Quelle: Themenstadtplan Dresden

Aus Feldherrenstraße wird Florian-Geyer-Straße

Im September 1945 erfolgte die Umbenennung aller Straßen, die nach Generälen benannt waren, in Straßennamen mit Bezug zum Bauernkrieg. So erhielt die Feldherrenstraße den neuen Namen Florian-Geyer-Straße. Geyer (ca. 1490 – 1525) war fränkischer Reichsritter und im Bauernkrieg 1525 Verhandlungsführer des Odenwälder Bauernheeres. Die angrenzende Gneisenaustraße trug nun den Namen Bundschuhstraße. Die Manteuffelstraße, die an der östlichen Seite der zerstörten Jägerkaserne verlief, wurde eingezogen.

Ehemalige Manteuffelstraße, heute Einfahrt zur Seniorenresidenz, 2015. Quelle: Sammlung Gonschorek
Auf der Florian-Geyer-Straße erhaltene Häuser von ca. 1905. Quelle: Sammlung Gonschorek

Wiederaufbau und Stadtplanung

Im Umkreis des Tafelstandortes waren nur wenige Wohnhäuser von den Bomben des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben. Nach einer intensiven großräumigen Planung für den Wiederaufbau der Nördlichen Johannstadt mit Fertigteilwohnbauten begann 1974 mit dem Häuserblock Florian-Geyer-Straße 2–18 die Errichtung der ersten Wohneinheiten des Typs „IW 67“ („Industrielles Wohnen“). In den Folgejahren bis 1978 entstanden in der Bundschuhstraße die Häuser 28–38 gleichen Bautyps. Zwischen Käthe-Kollwitz-Ufer und Florian-Geyer-Straße plante die „Komplex-Arbeitsgruppe Johannstadt“ mit dem Bautyp WHH 15 („Wohnhochhaus“) drei 15-geschossige Punkthochhäuser.

Baustellenplan des Wohnkomplexes Nord, 1972. Erkennbar sind die zwei nicht realisierten Hochhäuser. Nachträglich farbig markiert wurden der Standort der ehemaligen Jägerkaserne (grün) und die ehemalige Manteuffelstraße (braun). Quelle: Sammlung Gonschorek

Hausgemeinschaftsleben

Ein langjähriger Bewohner der Florian-Geyer-Straße erzählt: „In einem Hochhaus wohnten vierzig Familien. […] In dieser Zeit wurde eine Hausgemeinschaftsleitung von den Mietern gewählt, die im Auftrag der AWG das gemeinsame Leben miteinander organisierte. Das waren Arbeitseinsätze in der Außenanlage, Pflege von bestehenden Anlagen und Rabatten. Auch fanden zu gesellschaftlichen Höhepunkten Hausfeste und ähnliche Anlässe mit den Hausbewohnern statt. Durch die Arbeit der Hausgemeinschaftsleitung […] wurde die Hausgemeinschaft mit dem Titel ‚Vorbildliche Hausgemeinschaft‘ durch die AWG ‚Fortschritt‘ und den Bezirksausschuß der ‚Nationalen Front‘ der DDR 1989 ausgezeichnet.“

Auszeichnungen „Goldene Hausnummer“ für die Hausgemeinschaft Florian-Geyer-Straße 2, 1977/1989. Quelle: Sammlung Gonschorek
Wohnhäuser Typ „IW 67“ an der Florian-Geyer-Straße, etwa 1992. Quelle: Sammlung Gonschorek

 

 

 

 

 

 

 

Text: Matthias Kunert, Henning Seidler, Matthias Erfurth

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