Orte » Geschichte der Johannstadt » Standort 10 – Güntz- / Sachsenplatz

eingestellt am 05.11.2019 von QM Johannstadt, zuletzt geändert am 06.11.2019

Folgen Sie der Florian-Geyer-Straße in Richtung Sachsenallee und biegen Sie links in die Elsasser Straße. Am Güntzplatz erreichen Sie den 10. Standort des historischen Rundwegs.

Vor 1945: Güntz, Geld, Gräber

Stadtplan um 1900. Der Tafelstandort ist markiert. Quelle: Sammlung Gonschorek

Sachsenplatz, Sachsenallee und Elias-/Güntzplatz

Die Anlage von Sachsenallee, Sachsenplatz und Eliasplatz (heutiger Güntzplatz) geht auf das Jahr 1875 zurück und stand im Zusammenhang mit dem Bau der Albertbrücke. Ursprünglich sollte der Eliasplatz als halbkreisförmige Fläche mit einem Denkmal den repräsentativen Auftakt zur Sachsenallee in Richtung Elbbrücke bilden. Für die städtebauliche Erweiterung des Platzes hätten allerdings Teile des Eliasfriedhofs weichen müssen, was sich als nicht umsetzbar erwies. So entstanden letztlich zwei Plätze entlang der kurzen Sachsenallee: der Sachsenplatz im Norden an der Elbpromenade und der Eliasplatz im Süden. Repräsentative Wohn- und Geschäftsgebäude fanden ihren Platz auf den heutigen Grünflächen beiderseits der Sachsenallee.

Ansicht elbseitiger Sachsenallee, um 1910. Links ist die Jägerkaserne zu sehen. Quelle: Johannstadtarchiv
Ansicht stadtseitiger Sachsenallee, von der Kunstgewerbeschule gesehen, um 1910. Links das heute noch vorhandene Amtsgericht, am unteren Bildrand der Eliasfriedhof in seinen früheren Ausmaßen. Quelle: JohannStadtArchiv
Grabmal auf dem Eliasfriedhof, um 1900. Quelle: JohannStadtArchiv

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit jeher bildete der Doppelplatz einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Am 19. März 1872 erfolgte hier der Spatenstich für die erste Dresdner Pferdebahn nach Blasewitz. Ein besonderes Kleinod am Güntzplatz ist eine Litfaßsäule aus dem Jahr 1927, die in Dresden die älteste verbliebene ihrer Art ist: eine Werbeanlage aus Zylinder, abgestuftem Aufsatz und Weltkugel, in expressionistischen Formen. Aufgrund der großen Bedeutung des biblischen Propheten Elija in der jüdischen Religion wurden der Eliasplatz sowie die angrenzende Eliasstraße im Zusammenhang mit der Antijudengesetzgebung im Nationalsozialismus 1938 nach dem Dresdner Unternehmer Dr. Justus Friedrich Güntz (1801–1875) umbenannt.

Eliasfriedhof

Der Eliasfriedhof am Güntzplatz ist der älteste erhaltene Friedhof Dresdens. 1680 ordnete Kurfürst Georg aufgrund einer Pest-Epidemie an, hier auf freiem Feld einen Seuchenfriedhof
einzurichten, der später zum Armenfriedhof umgenutzt wurde. Mit der Aufhebung des Friedhofes an der Frauenkirche 1724 wählte man den Eliasfriedhof als Begräbnisstätte der höheren Stände. Bis 1876 fanden hier Beerdigungen statt. Schließlich führten vermutlich Platzgründe zur Schließung. Der Eliasfriedhof verfügt über zahlreiche bemerkenswerte Grabmale aus allen Zeitepochen zwischen Barock und Biedermeier.

Mehr Informationen zur Geschichte des Eliasfriedhofs erhalten sie hier.

Stadthaus Johannstadt

Das straßenbildprägende Stadthaus entstand 1913/14 nach Plänen des Dresdner Stadtbaurates Hans Erlwein (1874–1914). Für den Bau musste ein bereits zuvor als Sparkasse genutztes Gebäude abgerissen werden. Der Neubau berherbergte eine Zweigstelle der Sparkasse und
mehrere Läden, darunter eine Filiale von „Pfunds Molkerei“, das „Eliascafé“ und ein Rundfunkgeschäft. Letzteres existierte noch bis 1991. Im Innenhof fanden zudem Einrichtungen der städtischen Verwaltung ihren Platz, darunter die Straßenreinigung.

Neues Stadt- und Sparkassenhaus, um 1915. Quelle: JohannStadtArchiv
Altes Stadt- und Sparkassenhaus, um 1900. Quelle: JohannStadtArchiv

 

 

 

 

 

Nach 1945: Wiederaufbau und Weltfestspiele

Stadtplan von 2019. Der Planausschnitt ist identisch mit dem umseitig abgebildeten historischen Stadtplan von ca. 1910. Der Tafelstandort ist markiert. Quelle: Themenstadtplan Dresden

Enttrümmerung und Wiederaufbau

Nach der Großflächenberäumung der Johannstadt mit Trümmerbahnen (Linie T2) und der Verkippung am Käthe-Kollwitz-Ufer begann man Anfang der 1970er Jahre mit der Bebauung der Elsasser Straße mit elfgeschossigen Plattenbauten vom Typ IW 66. Bemerkenswert ist dabei die Gestaltung der Giebelwand an der Elsasser Straße 9 anlässlich der 10. Weltfestspiele 1973 in Berlin.

Ruinen am Sachsenplatz, 1952. Quelle: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek, Walter Möbius
Trümmerbahn am Sachsenplatz, 1951. Quelle: Archiv der Dresdner Verkehrsbetriebe
Privates Sparkassenbuch, vor 1990. Quelle: Gerd Hammermüller / Foto: Henning Seidler
Detail an der Fassade des Sparkassengebäudes. Quelle: Gerd Hammermüller

Sparkasse und Ostsächsische Sparkasse Dresden

Das bei den Luftangriffen am 13./14. Februar 1945 schwer beschädige Stadthaus Johannstadt überstand als eines von wenigen Gebäuden in der Johannstadt die Enttrümmerung der Nachkriegszeit. Der Bankier Curt Kirschner war als erster Sparkassendirektor nach 1945 maßgeblich an der Erhaltung und Sicherung der nahezu ruinösen Bausubstanz beteiligt. Durch den Ausbau der Erdgeschossräume konnten die Räumlichkeiten schon ab Mai 1949 behelfsmäßig genutzt werden. Kirschner sorgte auch dafür, dass das Stadthaus nach dem Wiederaufbau den Hauptsitz der Dresdner Sparkasse beherbergte. Für seinen Einsatz büßte Kirschner mit einem Jahr Gefängnis und dem Verlust seiner Arbeit. Seit 2015 erinnert eine Tafel am Gebäude an ihn. Heute nutzt die Ostsächsische Sparkasse das 1995–97 komplett sanierte Gebäude als Hauptsitz. Der Komplex erhielt beim Umbau einen modernen Anbau an der Gerokstraße und an der Elsasser Straße. Ein Teil der Exponate des bis 2015 hier befindlichen Sparkassenmuseums ist themenbezogen in Sonderausstellungen zu sehen.

Amts- und Landgericht

Nach der Enttrümmerung verzichtete die Stadt auf den Wiederaufbau der Gebäude auf der Ost- und Westseite der Sachsenallee und legte stattdessen Grünflächen dort an. Dadurch weitet sich der Blick vom Güntz- und Sachsenplatz bis zum Amts- und Landgericht auf der Lothringer Straße. Von dem zwischen 1888 und 1892 nach Plänen von Arwed Roßbach als Königlich-Sächsisches Amtsgericht errichteten ehemals vierflügeligen Gebäude baute man nach dem Krieg nur den östlichen Gebäudeteil wieder auf. Das Hauptportal flankieren die Figuren „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ von Johannes Schilling. Zu DDR-Zeiten befand sich hier das Bezirksgericht Dresden, aus dem 1993 das Landgericht hervorging. Seit 2012 ist das Gebäude baulich mit dem neu gebauten Amtsgericht verbunden. Weltweite Aufmerksamkeit erlangte das Landgericht am 1. Juli 2009, als in einem strafrechtlichen Berufungsverfahren der Angeklagte die aus Ägypten stammende Belastungszeugin Marwa El-Sherbini aus ausländerfeindlichen Motiven mit einem Messer tötete und ihren Ehemann schwer verletzte. Die im dritten Monat schwangere Marwa El-Sherbini verblutete vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes. Der Mord zog eine internationale Medienaufmerksamkeit sowie Proteste in der muslimischen Welt nach sich. Jährlich organisieren zivilgesellschaftliche Kräfte seither das Marwa-El-Sherbini-Gedenken.

Heute freigestelltes Amtsgericht am Sachsenplatz. Quelle: Henning Seidler

Text: Matthias Erfurth, Matthias Kunert, Henning Seidler

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