Orte » Geschichte der Johannstadt

Im Mittelalter dehnten sich Wiesen und Felder von der Elbe aus bis zur Bürgerwiese und dem späteren Großen Garten sowie zu den Fluren von Striesen und Blasewitz. Sie gehörten anfangs größtenteils dem Augustinerkloster in Altendresden (Dresden-Neustadt) und dem bereits vor 1287 gegründeten Maternihospital. Nach Aufhebung der Klöster im Jahre 1539 durch Herzog Heinrich den Frommen gelangten die Flurstücke des Augustinerklosters in den Besitz des Landesherrn, der die Wiesen an der Elbe dem Stallamt übertrug. Zwischen Elbe und Tatzberg lag die Brückenwiese, sie gehörte bis 1852 dem Brückenamt.

Grüne Idylle und Ausflugsziel für die Städter

Der Umfang des Gebietes der heutigen Johannstadt entspricht ungefähr dem des 1310 urkundlich erstmals erwähnten Dörfchens Ranvoltitz, dessen Bewohner von Elbfischerei und vom Ackerbau sowie vom Abbau des hiesigen Lehmvorkommens lebten. Im östlichen Teil, etwa von der Hertelstraße bis zum Trinitatisfriedhof, begann das Blasewitzer Tännicht. Es war ein Fichten- und Kiefernwald, der vermutlich einen reichen Hasen- und Rebhuhnbestand aufwies. Die Blumenstraße wurde auf alten Urkunden als Jagd- und Fürstenweg bezeichnet.

Plan von Dresden (1:5000), Blatt 1/4, Kartensammlung SLUB/KS 6052, Vermessungsamt Gerke 1911

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um 1800 dienten die Grundstücke „Hopfgartens“, „Stückgießers“, „Engelharts“ und „Antons“ mit ihrer ländlichen Idylle den Anwohnern Dresdens als Ausflugsziele. An Sonntagen machten sich die Dresdner auf den Weg aus den engen Gassen in das Gelände vor dem Ziegelschlag. In der Gegend befanden sich prächtige Blumengärten (Blumenstraße). Der Kunst- und Handelsgärtner Lüdicke legte hier 1859 einen vielbesuchten Wintergarten (Wintergartenstraße) an, der bis 1878 bestand und als botanische Sehenswürdigkeit galt und besonders reich an Kamelien war (Kamelienstraße, heute nicht mehr existent). Der Fährbetrieb und die Elbbäder avancierten zum Freizeitvergnügen der Anwohner.

Blick in die Kamelienstraße (heute überbaut), 1920er Jahre, Sammlung Siegfried Treppnau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausbau der Verkehrswege und Industrialisierung

Nach 1846 begann man mit der Weiterführung des ins Stocken geratenen Ausbaus des sog. Environ-Weges bis zum Eliasfriedhof. Die jetzige Güntzstraße ist ein Teil dieses ehemaligen Weges, der später durch die Straßenbahnen im „Sechsundzwanziger Ring“ genutzt wurde. Am 19. März 1872 erfolgte am Güntzplatz der erste Spatenstich zum Bau der Pferdeeisenbahn, die am 26. September 1872 den Linienverkehr aufnahm, zunächst nur auf der Strecke von Blasewitz zum Pirnaischen Platz. Mit der Übergabe der Albertbrücke am 19. November 1877 begann ein industrielles Wachstum der östlichen Vororte Dresdens.

Hopfgartenstraße, Ecke Elisenstraße, 1920er Jahre, Sammlung Siegfried Treppnau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach Aufhebung des Bauverbots 1874 und durch die nun verkehrende Pferdeeisenbahn schritten die Bebauung und die Bevölkerungszahl stetig voran. 1876 wurde die Johannstadt als reiner Wohnbezirk ausgewiesen. Damit mussten die hier angesiedelten Gärtnereien das Gebiet dem Wohnungsneubau überlassen. Sie zogen weiter nach Osten, also größtenteils in die Flur Striesen, wo noch freie Flächen zur Verfügung standen. Im Jahr 1875 wurde die lange geplante und heiß diskutierte Hochuferlinie entlang des heutigen Käthe-Kollwitz-Ufers festgelegt. Damit wurde die Gefahr, dass es zu Überbauungen der Elbwiesen kommen könnte, endgültig gebannt. Am Sachsenplatz begann 1880 der Bau der Jägerkaserne. Sie galt als der schönste Kasernenbau des 19. Jahrhunderts in Sachsen.

Die fortschreitende Industrialisierung erfasste vor allem die nördliche Johannstadt. In den Hinterhöfen und Hinterhäusern befanden sich zahlreiche Gewerbebetriebe. Vorwiegend waren hier die Feinmechanik-, Kamera- und Zigarettenindustrie ansässig. Weiterhin wurden Maschinen-, Kartonagen- und Gardinenfabriken errichtet, so auf der Blasewitzer und Pfotenhauerstraße. Auf der Arnoldstraße war die Firma Heinrich Gläser beheimatet, die durch ihre Karosserieproduktion deutschlandweit bekannt war. Am Bönischplatz hatte die Münchner Traditionsbiermarke Eberlbräu eine Niederlassung mit Flaschenabfüllung.

Bönischplatz (Blickrichtung Osten), 1930er Jahre, Sammlung Siegfried Treppnau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um die Jahrhundertwende zählte Johannstadt zu den bevölkerungsreichsten Stadtteilen Dresdens. Während 1880 nur 940 Einwohner gezählt wurden, waren zur nächsten Zählung im Jahre 1900 bereits 52.161 Personen im Stadtteil ansässig, das entsprach einer Bevölkerungsdichte von 135,9 Einwohnern je Hektar. Durch die zunehmende Industrialisierung und den dadurch bedingten Zuzug von Arbeitskräften war Johannstadt 1910 mit 60.843 Einwohnern der am stärksten besiedelte Dresdner Stadtteil. In den folgenden Jahren nahm dann die Einwohnerzahl durch Wegzug und vor allem durch den Ersten Weltkrieg wieder ab. In den Goldenen Zwanzigern waren die Blumensäle mit dem Motto “Binder, Ernst und das genügt…” ein legendäres Tanzlokal. 1933 wurde eine Einwohnerzahl von 56.853 ermittelt.

Stadthaus Johannstadt am Eliasplatz (heute Güntzplatz), 1920er Jahre, Sammlung Siegfried Treppnau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zerstörung, Enttrümmerung und Wiederaufbau

Die Bombenangriffe vom Februar 1945 haben die Johannstadt bis auf einige Wohngebiete vor allem in der nördlichen Johannstadt am Bönischplatz, Thomas-Müntzer-Platz bis zur Hertelstraße fast völlig zerstört. Der Stadtteil bildete die größte zusammenhängende Trümmerfläche Dresdens. Verschiedene Quellen sprechen von einem Zerstörungsgrad zwischen 75 und 80 Prozent sowie von 4.000 bis 5.000 verbliebenen Einwohnern. Nach Angaben der Historikerkommission verloren 2.000 Johannstädter ihr Leben. Die später ermittelte Trümmermenge betrug 19 Kubikmeter pro Einwohner.

Auch die vorwiegend in Johannstadt-Nord ansässige Industrie wurde größtenteils zerstört. Unter anderem die Maschinenfabrik Laube, die Jasmatzi-Zigarettenfabrik, die Kunstdruckanstalt Römmler & Jonas und die Sächsische Cartonagen- und Maschinen-AG auf der Blasewitzer Straße sowie das Gläser-Karosserie-Werk wurden zu fast 100 Prozent zerstört. Dazu kamen viele zerbombte kleine Handwerksbetriebe und Geschäfte aller Art. Starke Schäden erlitt auch der Straßenbahn-Betriebshof auf der Pfotenhauerstraße mit vielen untergestellten und auf dem Streckennetz befindlichen Fahrzeugen.

Trümmerbahn auf Johannstädter Flur, September 1945, Foto: Richard Peter via Deutsche Fotothek (CC)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie überall in Dresden wurde zuerst mit der notdürftigen Beräumung der Verkehrswege begonnen. Im weiteren Verlauf wurde aus Johannstadt ein Modellgebiet für die verschiedenen Wieder­aufbaustadien, zuerst durch die komplexe Enttrümmerung, später für die Errichtung von Neubaugebieten in industrieller Großblockbauweise.

Am 13. Januar 1946 begannen die Enttrümmerungsarbeiten auf dem Thomas-Müntzer-Platz. Mit dem Beginn der großflächigen Beräumung wurden nacheinander zwei Trümmerbahnstrecken eingerichtet. Die als T2 bezeichnete Strecke wurde Mitte 1946 in Betrieb genommen. Sie begann an der Nicolaistraße und endete an der Kippe auf dem ehemaligen Vogelwiesengelände am Käthe-Kollwitz-Ufer. Hier verkippte man von Antons-Bad bis zur Einmündung des Käthe-Kollwitz-Ufers in die Emser Allee die Schuttmassen aus Johannstadt und der Pirnaischen Vorstadt. Als Standorte der Trümmersortier- und Aufbereitungsanlagen wurden der Dürerplatz, das Gelände des ehemaligen Carolahauses auf der Gerokstraße und der Thomas-Müntzer-Platz ausgewählt. Aus der Aufbereitungsanlage Gerokstraße ging später das Plattenwerk Dresden hervor, wo Ende April 1955 die Herstellung von großflächigen Betonelementen begann.

Der erste Aufbauplan wurde am 5. Januar 1946 erlassen. Er sah die Wiederherstellung der nur leicht bis mittelschwer beschädigten Wohnungen sowie den Bau neuer Wohnungen vor. Der Wiederaufbau begann an der Comeniusstraße, es folgten Ende der 50er Jahre Wohnhäuser an der Fetscher- und Striesener Straße, die nach den Plänen der Architekten Wolfgang Hänsch und Johannes Rascher entstanden. Erstmals verließ man die klassische Bauweise und montierte stattdessen vorgefertigte Decken- und Bodenelemente mit Drehkränen.

Ab 1968/69 begann der planmäßige Wiederaufbau. In der ersten Phase entstanden in Johannstadt-Süd unter der Leitung des Architekten Udo Fehrmann bis 1971 2.523 Wohnungen. Sie wurden in Großblockbauweise als zehn- und fünfgeschossige Wohnhäuser errichtet. Großzügige begrünte Innenhöfe boten Kinderspiel- und Wäschetrockenplätze mit Ruheflächen an. Im Jahr 1972 wurde mit dem Aufbau von Johannstadt-Nord begonnen. Hier entstanden unter der Leitung des Architekten Kurt Röthig bis 1975 15-geschossige Hochhäuser sowie zehngeschossige Wohnbauten mit 3.800 Wohnungen. Beide Wohnkomplexe wurden mit öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Kindereinrichtungen, Kaufhallen, wie die sog. Modrow-Kaufhalle als größte ihrer Art in Dresden, Polikliniken und Jugendklubs ergänzt.

Vermessungsarbeiten am Nadirgerät, Neubauten an der Holbeinstraße, 1970, Quelle: Bundesarchiv Zentralbild Häßler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DDR-Zeit und Nachwende-Revitalisierung

Prägend für die nördliche Johannstadt waren zu DDR-Zeiten auch die jährlich organisierten Johannstädter Festspiele rund um das Elbgelände an der Johannstädter Fähre sowie einige Projekte für Kunst am Bau (Giebelgestaltung anlässlich der Weltfestspiele). Ein doppeltes Schulgebäude vom Schultyp „Dresden-Atrium“ entstand an der Pfotenhauerstraße (heutige Gutenbergschule). Zu Wendezeiten besaßen die Wohngebäude der Florian-Geyer-Straße bereits eine moderne Gemeinschaftsantennenanlage zum Satellitenempfang.

Mit Wiederaufnahme des Studienfaches „Biologie“ an der TU Dresden 1994 und der Medizinforschung am Uniklinikum Johannstadt begann für das Gebiet um den Tatzberg die Entwicklung eines leistungsfähigen Standortes für Biotechnologie und Biomedizin. Zu den Gründungen zählen dabei das Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie (1998), das Medizinisch-Theoretische Zentrum der TU Dresden (2000) und das BioInnovationszentrum (2004). Mit der Grundsteinlegung des Neubaus des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen der Helmholtz-Gesellschaft und des Zentrums für Innovationskompetenz B CUBE (2016) erfolgte der nächste große Schritt hin zu einem Biopolis Johannstadt.

Weitere Informationen zur Geschichte des Stadtteils: www.johannstadtarchiv.de